06. April 2020 /

Einander die Füße waschen

Im Benediktinerkloster Huysburg wird am Gründonnerstag die Fußwaschung auf eindrucksvolle Weise vollzogen. Im Mittelgang der romanischen Basilika, inmitten der Gemeinde also, sitzen auf paarweise angeordneten Stühlen Menschen. Zunächst geht der Priester zu den hintersten beiden Gemeindegliedern mit einer Schüssel Wasser und einem Tuch, bückt sich und wäscht ihnen die Füße. Dann gibt er beiden die Hand. Anschließend nehmen die beiden, denen soeben die Füße gewaschen wurden, die Schüssel und das Tuch und waschen den nächsten beiden die Füße. Und so geht es weiter: Derjenige, dem die Füße gewaschen wurden, wäscht selbst der Nächsten die Füße. In der Kirche ist es still. Die Zeichenhandlung spricht klarer als tausend Worte. Sie kündet vom Geist Jesu: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.“ (Joh 13,14)

Die Fußwaschung war in der Antike ein Sklavendienst, unwürdig für den Rabbi und Lehrer, den Meister und Herrn. Jesus hat felsenfeste Konventionen und unhinterfragte Rangunterschiede durchbrochen, als er beim letzten Mahl mit seinen Jüngern ihnen die Füße wusch. Kein Wunder, dass Petrus mit Abwehr und Unverständnis reagierte. Aber gerade hier, in dieser Irritation des Gewohnten, kommt zeichenhaft eine zentrale Vision Jesu zum Ausdruck: Die Umkehrung von Oben und Unten, von Größe und Kleinheit, von Ersten und Letzten, von Herren und Sklaven. In der Jüngerschaft Jesu soll es anders zugehen als in einer patriarchalen und streng hierarchisch strukturierten Umwelt: „...wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein...“ (Mk 10,43)

Im Johannesevangelium wird an herausragender Stelle von der Fußwaschung berichtet. Sie eröffnet den Bericht von Abschied und Passion Jesu. Da, wo bei Lukas, Matthäus und Markus vom letzten Abendmahl berichtet wird, entfaltet Johannes die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern. Während wir an das letzte Abendmahl in jedem Gottesdienst denken, begegnet die Fußwaschung nur am Gründonnerstag. Dabei verdichtet sich im Zeichen der Fußwaschung das Vermächtnis Jesu und sein Verständnis von Liebe. In der Fußwaschung leuchtet geradezu das „Grundgesetz der Kirche“ auf und der bleibende Maßstab für das Leben der Jüngergemeinschaft nach Jesu Tod. Der maßgebliche Wert der Fußwaschung war in der alten Kirche sehr lebendig, galt sie doch lange als Sakrament – ein von Jesus eingesetztes Zeichen, das ihn inmitten der Gemeinde gegenwärtig sein ließ und die Gemeinde nach seinem Vorbild prägte.

Foto: 
Bild: Friedbert Simon (Fotografie), Erich Schickling (künstlerischer Entwurf)
In: Pfarrbriefservice.de