04. Mai 2020 /

… formlos?

Sie macht aus Teig eine Torte, aus Beton Architektur und aus Haaren eine Frisur: die Form.

Und auch auf weniger materielle Formgeber sind wir angewiesen wie auf Anstand, Ordnungen und Gesetze. Ohne Form geht (fast) nichts. Manchmal beengen uns diese Dinge und wir glauben an eine größere Freiheit ohne all das. Und hin und wieder halten wir Form für entbehrlich, gerade wenn es um die Belange anderer geht.

In der (auch seelsorgerlichen) Arbeit mit alten Menschen, wo Schwerhörigkeit, Sehprobleme und Gedächtnislücken an der Tagesordnung sind, hilft auch hier oft die Form. Sie ist wie ein Gerüst, dass den fragilen Alltag stabilisiert: Wiederholungen, bekannte Abläufe, eindeutige Zeichen und vertraute Sprache etwa. Dabei bin ich immer wieder dankbar, auf kollektiv Geformtes zurückgreifen zu können. Und nicht nur dort: auch Glaube und seine liturgischen Vollzüge kann ich mir formfrei nicht dauerhaft vorstellen. Die aufkommende und teils lautstark geäußerte Formverdrossenheit auf diesem Gebiet macht mir eher Angst.

Mein Blick fällt auf den Strauß Maiglöckchen auf meinem Schreibtisch. Nicht gerade üppig in der Form. Aber überaus duftintensiv. Und voller Hinweiskraft. Wenn es so riecht, beginnen die schönsten Tage im Jahr, die viel zu schnell vorüber sind. Ich bin den kleinen Dingern dankbar. Sie werden wiederkommen. Genau so. Sie werden sich nicht spontan entscheiden müssen, ob, in welchem Gewand und zu welcher Zeit.